Ablaßhandel Kopie

AUF EIN WORT: Ein gutes Gewissen kann ich nicht kaufen

Wider den modernen Ablasshandel,  Ein Kommentar von Pastor Richard Tockhorn

Das schlechte Gewissen ist immer ein schlechter Ratgeber. Es ist eine Vermeidungsstrategie und führt mich nicht im positiven Sinn nach vorne. Immer wieder versuchen die Menschen, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Im späten Mittelalter geschah das durch den Ablasshandel. Wer etwas getan hatte, was das eigene Gewissen belastet hat, konnte sich gegen die Zahlung einer Geldsumme zu Gunsten der Kirche freikaufen, brauchte also kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Die damalige Zeit war geprägt von der Angst der Menschen vor der ewigen Verdammnis und Höllenpein. Martin Luther hat dagegen protestiert. Schuld vor Gott lässt sich doch nicht mit der Zahlung von Geld aus dem Weg räumen. Genau 500 Jahre ist das her und wir empören uns heute immer noch darüber, dass früher so etwas möglich war.

Heute fürchten wir uns nicht vor irgendeinem Höllenfeuer, aber uns plagt auch das schlechte Gewissen. Schließlich ist uns bewusst, dass wir heute in unserem Teil der Welt in einer Art und Weise leben, dass andere Menschen auf der Welt zu kurz kommen, dass die Umwelt irreparabel zerstört wird und wir auf Kosten der nachfolgenden Generationen leben. Wir können zwar nicht als Einzelne die ganze Welt retten, aber wir wissen schon, dass wir unseren Beitrag dazu leisten können.

Aber auch heute können wir uns freikaufen. Das Fliegen mit dem Flugzeug ist extrem umweltschädlich. Der CO2-Ausstoß ist um ein Vielfaches größer, als wenn ich mit Bus und Bahn reise. Aber ich kann einen CO2-Ausgleich bezahlen, dann ist angeblich alles wieder gut. Wenn das kein moderner Ablasshandel ist! Gutes für die Umwelt kann ich immer tun. Der Klimaschaden, den ich anrichte, ist aber trotzdem da. Das lässt sich nicht miteinander verrechnen.

Oder ich versuche, ausschließlich ökologisch produzierte Lebensmittel zu kaufen, fahre deshalb aber extra mit dem Auto dorthin. Ich kann tun, was ich will, im Winter kommt auch das meiste Bio-Obst aus Argentinien oder hat ähnlich weite Transportwege hinter sich. Und was nützt es, auf Fleisch zu verzichten und dafür genbehandelte Sojaprodukte zu konsumieren. Auch hinter manchem Ökosiegel steckt weniger das Interesse, den Verbraucher zu informieren, als die Produkte kostenintensiver vermarkten zu können.

Martin Luther nannte es „Werkgerechtigkeit“, wenn ich meine, durch mein eigenes Handeln gerecht zu werden. Das funktioniert nicht. Wenn ich meine, durch fromme Handlungen oder durch besonders vorbildliches Verhalten gerecht zu werden, dann habe ich mich getäuscht. Gerecht werden wir allein aus der Erkenntnis heraus, von Gott geliebte Wesen zu sein ohne alle Vorleistungen. Wo ich aus dieser Glaubenskraft heraus lebe, handle ich so verantwortungsbewusst wie möglich. Dann ist mir nicht gleichgültig, was mit dieser Welt geschieht. Aber ich weiß auch, dass ich immer wieder schuldig werde, immer wieder etwas tue, was nicht ganz korrekt ist, aber ich falle auch nicht mehr darauf hinein, wenn mir jemand Heilsversprechungen macht, die ich mir erkaufen soll.

Es gehört eine große Portion innerer Freiheit dazu, den Versuchungen jener modernen Ablasssysteme zu widerstehen. Schon die Reformatoren und die Humanisten im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit wussten, dass das nur mit einem kritischen Bewusstsein möglich ist. Dazu gehörte die Bildung. Nur Menschen, die die Zusammenhänge der Mechanismen unserer Zeit verstehen, können Prozesse kritisch durchschauen. Daher muss es wichtigste Aufgabe sein,  Menschen klug zu machen, sich ein eigenes Urteil bilden zu können. Fragen wir also nach, wenn wir etwas nicht verstehen und wenn wir das Gefühl haben, hier will nur jemand unser Gewissen